Zigeuner oder doch Mallorca-Pauschalreise

Die Geschichte ist zwar schon einige Jahre her, noch aus den Zeiten in denen wir beim MPS aufgebaut haben, sorgt aber bei Erzählungen immer noch für Schmunzeln und ungläubiges Staunen, so dass ich sie euch auch hier nicht vorenthalten möchte.

Wir hatten unser Lager beim MPS in Telgte aufgeschlagen. Kein Programmpunkt lag grade mal an, es standen auch mal keine Besucher vor dem Lager um die man sich hätte kümmern müssen, das Wetter war schön. Kurz, es war der ideale Zeitpunkt sich mal gemeinsam an den Tisch zu setzen und sich der ruhigen Phasen des Lagerleben hinzugeben.

Diese ruhige Phase wurde allerdings jäh gestört, als sich ein Vater, in Begleitung seines etwa 12 jährigen Sohnes und seiner etwa 16 jährigen Tochter, vor unser Lager stellte und zu seinem Sohn, mit lauter Stimme sagte: „Siehst du, deswegen sage ich dir immer, dass du in der Schule besser werden musst. Dann kannste dir nämlich auch so nen schönen zweiwöchigen Mallorca-Urlaub leisten wie wir dieses Jahr und musst nicht so wie diese Zigeuner von Ort zu Ort reisen und ein armes Leben leben. Hätten die mal was vernünftiges gelernt müssten die das auch nicht.“

Vieles hatten wir schon gehört, aber das war nun schon das härteste was uns bisher so an die Ohren gekommen war. Und so saßen wir alle, irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Staunen gefangen, am Tisch und keiner Regung fähig. Alle? Nicht alle! Unser Lagerleiter, sonst auch bei den unerwartetsten Sprüchen von Besuchern meist beherrscht, stand auf, ging in Richtung der Besucher und machte dabei ein Gesicht, dass, wenn man unseren werten Lagerleiter kennt, nicht wirklich Gutes zu verheißen versprach.

„Entschuldigung werter Herr“, hörte man ihn sagen. „Es tut mir wirklich leid, dass ich Zigeuner es bisher in meinem Leben nur zu zwei Studiengängen, sowie zwei weiteren Berufsausbildungen gebracht habe und derzeit auch nur als selbständiger Personalberater und Gründercoach mein trauriges Dasein fristen muss“, fuhr er fort. „Und ich bedauere es sehr, dass ich mein Geld nicht in irgendwelche Mallorca-Pauschalreisen gesteckt habe, sondern in mein Lager, welches ich aus reiner Freude und Übermut betreibe. Hätte ich das nicht getan, wären sicherlich die Kosten für die nächsten Mallorca-Pauschalreisen locker gedeckt gewesen. So kann ich es mir leider nur leisten im Sommer drei Wochen nach Andalusien zu reisen und den Winter an einem anderen schönen Ort zu verbringen.“ Nun, letzteres war leicht übertrieben, aber unser Scheffe lief grade im Arrogant-und-eingebildet-Modus. Die Frage „Womit verdienen sie ihr Geld, wenn ich fragen darf“, beendeten seinen Auftritt.

Das Gesicht des Herrn Vaters wurde starr und mit etwas Phantasie konnte man seine Gedanken erahnen. „Huch, der Zigeuner kann sprechen und huch er gibt auch noch Widerworte!“ So packte er seinen Sohn an der Hand und zog ihn, während er sich hastig von unserem Lager entfernte, hinter sich her.

Nun könnte man glauben, dass die Situation damit vorüber war. War sie aber nicht. Die, vorhin kurz erwähnte Tochter, hatte sich das ganze nämlich, offensichtlich für ihren Vater schämend, angeschaut, ließ ihren Vater gut 20 Meter entschwinden bis sie ihm folgendes hinterher rief: „Du Vatter! Warte doch mal. Vielleicht solltest du den Zigeuner und Coach mal fragen was du eigentlich falsch machst, dass du mit deiner kleinen Klitsche immer kurz vor der Pleite stehst und wir uns sogar die, ach so tollen, Mallorca-Urlaube kaum noch leisten können!“

Das war der Moment, wo man den Herrn Vater samt Sohn endgültig enteilen sah und einer der wenigen Momente in denen ich Scheffe sprachlos erlebte.

Das Mädel wandte sich dann an uns und meinte: „Tschuldigung für meinen Alten. Nicht alle Telgter sind so. Und da ich ahne, dass jetzt irgendwie Stubenarrest angesagt ist, kann ich eigentlich auch bis Marktschluss am Gelände bleiben. Sollte ja spätesten um 22:00 Uhr zuhause sein, wenn ich keinen Stubenarrest bekommen wolle. Hm … bekomme ich ja jetzt eh schon.“ Und sie zog vergnügt in die Gegenrichtung zu Vater und Bruder davon. Kurz vor Marktschluss sahen wir sie nochmal an einer Taverne von der sie uns freundlich zuprostete.

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